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Archiv für die Kategorie ‘Die Vier Tode des M.’

Part 4 Loch im Magen…

Die Zeit verging und offensichtlich hab ich ein sehr schlechtes Verhältnis zu „Gevatter Hein“, wie mein Opa dieses Mysterium einst bezeichnete, oder auch ein sehr gutes, je nachdem, welche Sichtweise man vertritt. Vielleicht hatte ich ja auch 5 dieser Jenseitsberührungen, aber da ich mir nicht sicher bin, will ich es auch so nicht bezeichnen. 2000 musste ich ins Krankenhaus, ein Aortenverschluss arbeitete daran mir die Lauffähigkeit zu nehmen. Da musste einiges geschnippelt werden, um Lähmung, Nekrose spätere Amputation zu verhindern. Ich will es kurz machen. Diese OP war für mich ein wirklich aufregendes Erlebnis. Ein detailliertes Protokoll anzufertigen wäre mir nicht schwergefallen, ich hatte alles beobachten können. Die Szenerie, vermummte konzentriert agierende Grünkittel, inklusive meiner Person, unter blutgetränkten Abdeckungen verhüllt, breitete sich vor meinen (?) Augen aus. Sozusagen aus höherer Sicht konnte ich das ganze Geschehen verfolgen. Der Stationsarzt, dem ich später Teile der während der OP stattgefundenen Gespräche wiedergab, schaute mich nur etwas erschrocken an wie ein exotisches ihn bedrohendes Untier. Hab ihn nicht mehr gesehen während meines Krankenhausaufenthalts. „Wissende“ nennen so etwas wohl „Astralspaltung“, ich nenne es „die Übersicht behalten“!
Das protokollarisch gesicherte Ereignis spielt sich 2003 ab. Wieder einmal eine lebensbedrohliche Situation. Die Tabletten ACC, die ich zur Blutverdünnung verschieben bekommen hatte nach meiner letzten OP, wirkten auf meinen Organismus recht destruktiv. Sie zersetzten meine Magenschleimhaut und sorgten letztendlich für ein hosenknopfgroßes Loch in meiner Magenwand. Ein solches Geschehen führt schon allein zu 100% zum Exitus, wenn nicht binnen kürzester Zeit ein Eingriff erfolgt. Das Internet gibt Auskunft selbst bei Behandlung stehen die Chancen hops zu gehen bei 85%. Nun gut, abgeholt hatte man mich verhältnismäßig schnell, der Rettungsdienst gab sich redlich Mühe. Das mit dem Mühe geben hatte sich nach der Einlieferung in die Notaufnahme erledigt, offensichtlich wollte niemand die OP übernehmen und somit seine Erfolgsstatistik gefährden. Ich landete zum Verrecken auf einer Bahre in einem Leerzimmer, nicht im OP, weg von den hoffnungsvollen Fällen. Die intern abgelaufenen Vorgänge kann ich nicht wiedergeben, entscheidend ist, dass nach der erfahrungsmäßig zum Ableben ausreichenden Zeit immer noch ein Funken Leben in mir war. Das Folgende hat mit Normalität nichts zu tun, wer hier welche Kompetenzen über den Haufen geworfen hat und was für ein Gerangel es im nach hinein gab, weiß ich nur bruchstückhaft, Fakt ist, nicht ein diensthabender Notfallchirurg, sondern die Leiterin der Kinderstation, eine junge Frau mit Courage statt Statistikdenken nahm sich meiner an. Sie nähte kurzerhand die lädierte Magenwand gegen die Bauchdecke und schloss so das Loch. Zwei handtellergroße Verbrennungsmale auf meinem Körper zeugten davon, dass wohl nicht alles so glatt gelaufen ist, wie es ja auch nicht zu erwarten war. Etwas über 4 Minuten hab ich mich in anderen Ebenen herumgetrieben, lest im Internet oder sonst wo nach, was das bedeutet. Die Muster auf meinem Torso waren das Ergebnis, mir alle Energie in den Körper zu jagen, die so ein Defibrillator zur Verfügung hat. Widererwarten atmete ich am nächsten Morgen noch und immer wieder ging die Zimmertür auf und irgendwer warf einen flüchtigen erstaunten Blick auf den, der gegen alle Naturgesetzte opponiert hatte. Bis zu meiner Entlassung wurde ich von allen behandelt wie ein König, Das war das bisher letzte Mal, dass ich dem erwarteten Ergebnis trotzte. Wenn man nun alten Weisheiten Bedeutung beimisst, dass jedes Leben einen Sinn hat und irgendwie einer Bestimmung folgt, hab ich meine noch nicht erfüllt. Irgendwie bin ich ja gespannt wofür ich immer wieder „aufgehoben“ wurde, irgendwann sollte das doch alles auch einen Sinn ergeben. Wie sagt man so schön, Leben von geborgter Zeit!

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Part 3 Winterschlaf…

Jahre sind vergangen, in denen mir tiefe Einsichten zu Teil wurden. Ich will hier nicht auf mysteriöse Begebenheiten eingehen, die zu erzählen nur Unglaube und Kopfschütteln bei den meisten Menschen auslösen würde, ich will nur ein wenig auf den sprichwörtlichen „Sinn des Lebens“ eingehen, immerhin war ich zu dem Zeitpunkt, in dem diese Erzählung ihren Ursprung hat, schon zweimal gestorben. Grund genug, sich über das Leben Gedanken zu machen. Wer Part eins und zwei gelesen hat, kann beruhigt davon ausgehen, dass die dort beschriebenen Abläufe genau das zur Folge hatten, was man gemeinhin mit einem Nahtoderlebnis bezeichnet. Was soll das nun eigentlich bedeuten, ist man tot, oder nahe am Tod? Vielleicht können Ärzte darauf Antwort geben, ich nicht. Herzstillstand, Atemstillstand, fehlende Vitalfunktionen, Hirntod, wie definiert sich Tod und ist die Dauer dieser Zustände relevant? Irgendwie steht wohl alles in direktem Zusammenhang und zwei dieser Umstände spielten in jedem Fall bei meinen „Ausfällen“ eine Rolle. Inzwischen war ich 30 Jahre alt und immer noch am Leben.
Einen Umstand muss ich hier noch erwähnen, weil er vielleicht für die folgenden Ereignisse eine wesentliche Rolle spielte, ich trank zu der Zeit gern mal einen und ab und zu auch mal einen über den Durst. So war es auch an diesem Tag. Nach der Arbeit waren ein paar Kollegen und ich, wie zu oft, noch in unserer Stammkneipe eingekehrt. Wir hatten um 13°°Uhr Feierabend gemacht und zwischenzeitlich war es 17°°Uhr, Zeit nach Hause zu gehen. Die Nieren waren gespült und der Kopf schwebte irgendwo über dem Torso. Artig fanden die Füße, wie ein altes Pferd den Stall, den Weg zur Bushaltestelle. Es war Winter, kalt und dunkel und ich konnte die sich nähernden Scheinwerfer des Busses näher kommen sehen. Quietschend hielt der Bus genau vor meinen Füßen, die Tür schwang auf und ich war gerade im Begriff einzusteigen, als sie wieder zuschlug und der Bus Fahrt aufnahm. Na ja, meine Beine hatten sich in Bewegung gesetzt und strebten nach vorn. Ich knallte gegen den fahrenden Bus und drehte eine Pirouette entlang der an mir vorbeiziehenden, gelben Mauer.
Schemenhaft nahm ich ein riesiges weißes Zifferblatt war, es dauerte eine Weile, bis ich realisierte, dass es sich um die Straßenuhr handelte, die an der Haltestelle oberhalb des Wartehäuschens angebracht war. Ich hatte Schwierigkeiten mit der Perspektive klar zukommen, bis ich merkte, dass ich am Straßenrand saß. 19:30 Uhr, ich hatte offensichtlich ca. 2 Stunden hier gelegen, ohne dass sich irgendwer darum geschert hatte. Es war kalt, -3°, wenn der Bus mich nicht umgebracht hatte, hätten es die Temperaturen machen müssen. Ich fror und konnte kaum laufen, alle Glieder schlotterten und meine Zähne schlugen aufeinander, ich fühlte mich jämmerlich. für den 20 minütigen Fußweg brauchte ich eine dreiviertel Stunde. Erst zu Hause sah ich, dass mein Gesicht von Blut verklebt war, und ich konnte zwei Platzwunden ertasten, die in der Wärme anfingen zu pulsieren. Mein Hausarzt grinste mich unverhohlen an, als ich ihm am nächsten Tag die Geschichte erzählte. Er erklärte mir, dass niemand bei minus 3 Grad 2 Stunden im Schnee liegend durchhalten würde. Abgesehen von den Kopfwunden und der Bewusstlosigkeit, die schon allein den Kreislauf so geschwächt hätten, dass ein Aufwachen jenseits der Vorstellung lag. Tja, das war seine Meinung, mein Wissen war, dass sich alles genau so, wie hier geschildert abgespielt hat.
Jeder kann nun spekulieren ob ich spinne oder „ne Schraube“ locker habe, ist mir egal, solche Dinge haben mich früher beschäftigt. Heute haben sie keine Priorität mehr für mich. Ich hab meine eigenen Erkenntnisse gewonnen und ich bin immer noch da! Und genau das ist die einzige Frage die mich beschäftigt, warum bin ich noch da….

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Part 2 Absturz

Es ist einige Zeit vergangen, 4 Jahre genauer gesagt, und die Episode am Kiessee war nur noch entfernte Erinnerung, die ab und zu ins Bewusstsein blitzte. Mein Kopfkino allerdings nicht , das drängte nach und nach intensiver in meine alltäglichen Gegebenheiten. Immer öfter spielten sich vor meinem geistigen Auge Szenen ab oder entstanden Trugbilder, die ich nicht zuordnen geschweige denn erklären konnte. Dem „Wahnsinn“ nahe, lernte ich damit umzugehen, ignorieren und eisiges Schweigen schützte mich vor dem Stempel, den man mir sicher aufgedrückt hätte, wäre ich mit der Sprache herausgerückt. Ich entwickelte mich zu einem recht verschlossenen Kind, das in Büchern Antworten suchte, die es woanders nicht zu erwarten hatte. Das entwickelte sich zu einer regelrechten Manie, ich las querbeet alles, was mir unter die Finger kam, wobei ich begünstigt wurde durch die wirklich sehr umfangreiche Bibliothek meines Vaters und 2 Leserausweisen für wiederum andere Buchausleiheinrichtungen. Wenn ich verschlossen schreibe bezieht sich das nicht auf mein nach außen getragenes Bild meiner Persönlichkeit sondern auf den geistigen Zutritt in meine Gedankenwelt. Ich war ein sehr agiles extrovertiertes Kind, das schnell Anschluss fand und es immer wieder verstand, schnell die Oberhand in den allgemein üblichen Klicken zu erringen, wobei meine gute körperliche Konstitution und mein allgemein, meinen Altersgenossen gegenüber, überlegener Intellekt keine unwesentliche Rolle spielten. Aber ich sollte jetzt wohl zum Kern dieser Geschichte kommen.
Unsere Bande zählte durchschnittlich 8 bis 10 Jungen, das schwankte je nach Wertschätzung der Person und deren Nützlichkeit für die Gemeinschaft, wobei auch ab und zu ein ernstes Elternwort die eine oder andere Abspaltung bewirkte. So wurden die Schwächlinge aussortiert. Wie heißt es so schön: „Nur die Harten kommen in unseren Garten“! Härte sollte heut auf die Probe gestellt werden. Wir waren unterwegs zu einem alten ausgedienten Gewerbegelände, das uns schon oft als Tummelplatz unserer kindlichen Abenteuerinszenierungen gedient hatte. Unsere Abenteuerlandschaft bildete ein verhältnismäßig großes, völlig verwildertes Grundstück, auf dem sich noch einige alte Werkstattgebäude befanden, die schon lange dem Verfall zum Opfer gefallen waren. Hier sollte unsere Mutprobe stattfinden. Ein Neuer war zu uns gestoßen und Rituale sind wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe, sowie sie ebenso oft blödsinnig gefährlich für die Gesundheit sind. Wir kletterten also alle auf das Dach eines der alten Gebäude und befanden uns nun etwa 8 Meter über dem unter uns gähnenden Abgrund. Etwa 2 Meter von der Dachkante entfernt wuchs ein Baum in die Höhe, der Ziel unserer großartigen Aktionsposse sein sollte. Es war ganz einfach, hinüberspringen und am Baum wieder gen Erde klettern. Die Hälfte unserer Heldentruppe hatte nach einem kurzen Blick hinunter still schweigend das Dach wieder verlassen, elende Feiglinge, ihre Mitgliedschaft war zu überdenken. Wir anderen standen am Rand des Daches und irgendwer fachte eine sinnlose Diskussion über die Sinnfälligkeit unseres Unterfangens an. Mich nervte dieses hin und her nur: „Sind wir nun hier um zu springen oder zu quatschen? Ist doch gerade mal ein bisschen mehr als eine Körperlänge, was ist da dabei man!“, ich war ungeduldig geworden und wollte das Theater nicht länger mitmachen. „Los jetzt!“, schrie ich und sprang. Ein anderer Junge hatte meine Aufforderung angenommen und sprang in selben Augenblick und damit war das Drama losgetreten. Nicht nur das er gleichzeitig mit mir abhob, er hatte sich als Ziel den selben Ast wie ich auserkoren und wenige Sekundenbruchteile später hingen wir beide wie die Klammeraffen buchstäblich in der Luft, den abgebrochenen Ast krampfhaft umklammernd sausten wir Richtung Mutter Erde. Bruchstücke von Bildern zogen an meinem inneren Auge vorbei und Klatsch, Bruchlandung! Selbstverständlich landete der andere auf mir und sorgte dafür, dass auch das letzte Quäntchen Luft aus meinen Lungen gepresst wurde. Ich lag auf dem Rücken und pumpte wie ein Käfer, dann wurde erst einmal alles Schwarz um mich herum. Seltsame Formen und Lichter zuckten in meinem Bewusstsein (?)
Als ich zu mir kam, war keiner meiner Kumpane zu sehen. Diese Tatsache läutete das Ende einiger großartiger Freundschaften fürs Leben ein und einige neue Verbindungen waren geschlossen. Graue diffuse Schatten begleiten mich seitdem. Ich spinne, meint ihr, vielleicht, für mich sind sie da zu jeder Zeit und Stunde. Wenn irgendjemanden von Euch in seinem Alltag die eine oder andere Situation suspekt erscheint und nicht zu erklären ist und er es abtut unter „Blödsinn, kann nicht sein“ irrt er vielleicht, Ihr kennt doch den Spruch: „ Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde die………..“

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Part 1 Ferien auf dem Land

Es gehört nicht viel dazu einen 9 jährigen Jungen glücklich zu machen. Ein kleiner Hof auf dem Land, einen Sommer wie es ihn in meiner Kindheit noch gab, weit weg von zu Haus und 8 Wochen Sommerferien. Das Wichtigste nicht zu vergessen, Großeltern denen der unbändige Bewegungs- und Wissensdrang eines jungen Draufgängers nicht aus der Ruhe brachte. Die Berliner Straßenschluchten, in denen ich aufwuchs, waren zweifellos ein interessantes Betätigungsfeld und boten immense Möglichkeiten, aber die Ferien bei Opa waren das Größte.
Alles war völlig anders, der gewohnte Komfort, warm Wasser, Zentralheizung und Telefon, waren hier ein wenig gebräuchlicher Luxus. Dazu muss ich zwei Dinge erwähnen, ich wuchs im Ostteil Berlins auf und die erwähnten Ausstattungen waren hier eher sogenannten privilegierten Parteikarrieristen vorbehalten, wie meine Eltern es nun mal waren. Dazu an anderer Stelle mehr. Hier gab es unendliche Weite, endlose Felder, dichte Wälder und Granitsteinbrüche in denen man unbegrenzt stöbern und forschen konnte. Die Flüsse waren kalt und sauber, man konnte bedenkenlos trinken, ohne der Ruhr oder anderen Unannehmlichkeiten zum Opfer zu fallen. Höhepunkt für ein Stadtkind war das Getier, welches hier auf Schritt und Tritt meine Wege kreuzte. Katzen, Hunde, Pferde, Kühe und andere diverse auf dem Land übliche Kreaturen. Meine Favoriten allerdings waren Prinz, ein Warmbluthengst, Moritz ein Bullenkalb, welches mein schlitzohriger Opa mir in diesem Jahr schenkte, wohl wissend, dass im nächsten Jahr der Bulle zu einen Monster herangewachsen sein würde, an dem sich mein Interesse verlieren wird, heut war ich glücklich! Mein Wesensbruder aber war Wolf, ein aus Böhmen nach Thüringen eingewanderter Wolf, der von meinem Opa angeschossen gefunden und wieder hochgepäppelt wurde und seitdem auf seinem Hof lebte. Er führte ein eigenwilliges Dasein, kannte keine Leine oder Kette und war manchmal tagelang verschwunden. Aber immer kehrte er zurück, lag plötzlich irgendwo auf dem Hof, als wäre er nie woanders gewesen. Oft genug hatte er Bisswunden am Kopf oder Rücken, die Dorfmeute mochte ihn nicht sonderlich, aber ich habe ihn nie winseln oder jaulen gehört. Schon als Dreijährigen hatte Opa mich auf einen riesigen Pferderücken gepflanzt und lachend beobachtet, wie ich mich krampfhaft in die Mähne krallte. Mit 9 war das kein Problem mehr, Prinz reagierte auf jeden Schenkeldruck und der Griff in die Mähne diente nur noch dem Kontakt. Wolf gefiel es uns zu begleiten, ein Stück wenigstens, meist verschwand er irgendwann, verlor sich irgendwo in der Landschaft. Abends, wenn Opa sein Tagwerk bewältigt hatte, zündete er sich ein Pfeife an, holte uralte Spielkarten hervor, legte mir unverständliche Muster auf einem umgestürzten Futtertrog und erzählte Geschichten bis mir die Augen vor Müdigkeit zufielen. Wolf lag zu meinen Füßen und ließ ab und zu einen Knurrlaut hören, als wollte er Opa ermahnen bei der Wahrheit zu bleiben. Augenzwinkernd bestand Opa, dann ebenfalls knurrend, darauf nur erlebtes wieder zu geben, also nichts als die reine Wahrheit zu berichten. Dort konnte ich atmen, dem organisierten Zuhause entrückt.
An diesem Morgen hatte es geregnet, so ein Sommerregen, der binnen weniger Minuten jeden Bach zum überlaufen zwingt und der genauso plötzlich abebbt wie er eingesetzt hat. Die Welt glitzerte in allen Regenbogenfarben, die die Sonne auf die tropfnassen Blätter malte. Nichts konnte mich aufhalten, aus Erfahrung wusste ich, dass der nahe Kiessee jetzt nach dem Regen um wenigstens 4 Grad wärmer sein würde. Ich rannte los und Wolf tänzelte knurrend um mich herum, als wollte er mich aufhalten. Der See lag wie ein schwarzer Spiegel in der Sonne. Am vor mir liegenden Ufer lag ein alter Kahn, den ich mir zum Ziel auserkoren hatte. Phantasien von wilden Seefahrerabenteuern spukten durch meinen Kopf und gleich würde ich eines erleben, das meine kühnsten Vorstellungen übertreffen sollte. Wolf blieb zurück und ich stürzte auf den Kahn zu, um ihn unter der Piratenflagge in Besitz zu nehmen. Meine Füße spürten Plötzlich keinen Boden mehr und im selben Augenblick umschloss mich das schwarze Wasser. Ich war auf eine unterspülte Landzunge geraten, die selbst meinen leichten Jungenkörper nicht tragen wollte. Der Kälteschock und die Überraschung nahmen mir den Atem und ich sank ins Unwirkliche. Irgendwann kam ich zu mir, die Lungen brannten und der Drang zu atmen schien mir den Kopf zu sprengen. Ich wusste nicht, wo unten oder oben ist, presste die Lippen zusammen und gelangte irgendwie an die Oberfläche. Der erste Luftzug schmerzte in der Brust und Wolf zerrte abwechselnd an meinem Armen und Beinen, er drängte mich vom Ufer weg weiter auf das Festland. Mein junger Körper erholte sich schnell und ich war kurze Zeit später wieder auf den Beinen. Mein Kopf dröhnte und meine Gedanken kreiselten um Bilder, die ich nicht erklären konnte, Begriffe die mir fremd waren, ich hatte das Empfinden, binnen kürzester Zeit verrückt geworden zu sein. Ich empfand fremd, als wäre ich ein anderer. Wolf wich nicht mehr von meiner Seite. Platschnass kam ich auf den Hof, wo mein Opa Pfeife smokend auf der Eingangstreppe des Hauses saß. Er musterte mich ohne ein geringstes Anzeichen von Unruhe, aufgeregt war nur ich. Es sprudelte aus mir heraus, die ganze Geschichte, ohne mich zu unterbrechen oder Fragen zu stellen hörte Opa mir zu. Tief Luft holend presste ich die letzten Worte heraus und dann war es still. Opa hob mich, als wäre ich ein Dreipfünder, auf seinen Schoß, wrang etwas Feuchtigkeit aus meinem Hemd und mir war, als würden seine Augen lachen. Dann tätschelte er meinen Kopf und ohne zu zetern oder zu schimpfen sagte er nur: „Da bist du Gevatter Hein also noch einmal von der Schippe gesprungen“. Dann schob er mich von seinem Knie in Richtung Haustür: „Zieh dir was trockenes an!“ Dafür liebte ich ihn….
Lange Zeit blieb das Erlebnis ein Geheimnis zwischen ihm, Wolf und mir, genau wie die Bilder und Fremdeindrücke, die mich seitdem immer wieder mal heimsuchten. Ein Kind will auf keinen Fall als Spinner gebrandmarkt sein und so spukte nur ab und zu der Gedanke in mir auf, -vielleicht bin ich ja doch nicht ganz dicht-!

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