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Part 1 Ferien auf dem Land

Es gehört nicht viel dazu einen 9 jährigen Jungen glücklich zu machen. Ein kleiner Hof auf dem Land, einen Sommer wie es ihn in meiner Kindheit noch gab, weit weg von zu Haus und 8 Wochen Sommerferien. Das Wichtigste nicht zu vergessen, Großeltern denen der unbändige Bewegungs- und Wissensdrang eines jungen Draufgängers nicht aus der Ruhe brachte. Die Berliner Straßenschluchten, in denen ich aufwuchs, waren zweifellos ein interessantes Betätigungsfeld und boten immense Möglichkeiten, aber die Ferien bei Opa waren das Größte.
Alles war völlig anders, der gewohnte Komfort, warm Wasser, Zentralheizung und Telefon, waren hier ein wenig gebräuchlicher Luxus. Dazu muss ich zwei Dinge erwähnen, ich wuchs im Ostteil Berlins auf und die erwähnten Ausstattungen waren hier eher sogenannten privilegierten Parteikarrieristen vorbehalten, wie meine Eltern es nun mal waren. Dazu an anderer Stelle mehr. Hier gab es unendliche Weite, endlose Felder, dichte Wälder und Granitsteinbrüche in denen man unbegrenzt stöbern und forschen konnte. Die Flüsse waren kalt und sauber, man konnte bedenkenlos trinken, ohne der Ruhr oder anderen Unannehmlichkeiten zum Opfer zu fallen. Höhepunkt für ein Stadtkind war das Getier, welches hier auf Schritt und Tritt meine Wege kreuzte. Katzen, Hunde, Pferde, Kühe und andere diverse auf dem Land übliche Kreaturen. Meine Favoriten allerdings waren Prinz, ein Warmbluthengst, Moritz ein Bullenkalb, welches mein schlitzohriger Opa mir in diesem Jahr schenkte, wohl wissend, dass im nächsten Jahr der Bulle zu einen Monster herangewachsen sein würde, an dem sich mein Interesse verlieren wird, heut war ich glücklich! Mein Wesensbruder aber war Wolf, ein aus Böhmen nach Thüringen eingewanderter Wolf, der von meinem Opa angeschossen gefunden und wieder hochgepäppelt wurde und seitdem auf seinem Hof lebte. Er führte ein eigenwilliges Dasein, kannte keine Leine oder Kette und war manchmal tagelang verschwunden. Aber immer kehrte er zurück, lag plötzlich irgendwo auf dem Hof, als wäre er nie woanders gewesen. Oft genug hatte er Bisswunden am Kopf oder Rücken, die Dorfmeute mochte ihn nicht sonderlich, aber ich habe ihn nie winseln oder jaulen gehört. Schon als Dreijährigen hatte Opa mich auf einen riesigen Pferderücken gepflanzt und lachend beobachtet, wie ich mich krampfhaft in die Mähne krallte. Mit 9 war das kein Problem mehr, Prinz reagierte auf jeden Schenkeldruck und der Griff in die Mähne diente nur noch dem Kontakt. Wolf gefiel es uns zu begleiten, ein Stück wenigstens, meist verschwand er irgendwann, verlor sich irgendwo in der Landschaft. Abends, wenn Opa sein Tagwerk bewältigt hatte, zündete er sich ein Pfeife an, holte uralte Spielkarten hervor, legte mir unverständliche Muster auf einem umgestürzten Futtertrog und erzählte Geschichten bis mir die Augen vor Müdigkeit zufielen. Wolf lag zu meinen Füßen und ließ ab und zu einen Knurrlaut hören, als wollte er Opa ermahnen bei der Wahrheit zu bleiben. Augenzwinkernd bestand Opa, dann ebenfalls knurrend, darauf nur erlebtes wieder zu geben, also nichts als die reine Wahrheit zu berichten. Dort konnte ich atmen, dem organisierten Zuhause entrückt.
An diesem Morgen hatte es geregnet, so ein Sommerregen, der binnen weniger Minuten jeden Bach zum überlaufen zwingt und der genauso plötzlich abebbt wie er eingesetzt hat. Die Welt glitzerte in allen Regenbogenfarben, die die Sonne auf die tropfnassen Blätter malte. Nichts konnte mich aufhalten, aus Erfahrung wusste ich, dass der nahe Kiessee jetzt nach dem Regen um wenigstens 4 Grad wärmer sein würde. Ich rannte los und Wolf tänzelte knurrend um mich herum, als wollte er mich aufhalten. Der See lag wie ein schwarzer Spiegel in der Sonne. Am vor mir liegenden Ufer lag ein alter Kahn, den ich mir zum Ziel auserkoren hatte. Phantasien von wilden Seefahrerabenteuern spukten durch meinen Kopf und gleich würde ich eines erleben, das meine kühnsten Vorstellungen übertreffen sollte. Wolf blieb zurück und ich stürzte auf den Kahn zu, um ihn unter der Piratenflagge in Besitz zu nehmen. Meine Füße spürten Plötzlich keinen Boden mehr und im selben Augenblick umschloss mich das schwarze Wasser. Ich war auf eine unterspülte Landzunge geraten, die selbst meinen leichten Jungenkörper nicht tragen wollte. Der Kälteschock und die Überraschung nahmen mir den Atem und ich sank ins Unwirkliche. Irgendwann kam ich zu mir, die Lungen brannten und der Drang zu atmen schien mir den Kopf zu sprengen. Ich wusste nicht, wo unten oder oben ist, presste die Lippen zusammen und gelangte irgendwie an die Oberfläche. Der erste Luftzug schmerzte in der Brust und Wolf zerrte abwechselnd an meinem Armen und Beinen, er drängte mich vom Ufer weg weiter auf das Festland. Mein junger Körper erholte sich schnell und ich war kurze Zeit später wieder auf den Beinen. Mein Kopf dröhnte und meine Gedanken kreiselten um Bilder, die ich nicht erklären konnte, Begriffe die mir fremd waren, ich hatte das Empfinden, binnen kürzester Zeit verrückt geworden zu sein. Ich empfand fremd, als wäre ich ein anderer. Wolf wich nicht mehr von meiner Seite. Platschnass kam ich auf den Hof, wo mein Opa Pfeife smokend auf der Eingangstreppe des Hauses saß. Er musterte mich ohne ein geringstes Anzeichen von Unruhe, aufgeregt war nur ich. Es sprudelte aus mir heraus, die ganze Geschichte, ohne mich zu unterbrechen oder Fragen zu stellen hörte Opa mir zu. Tief Luft holend presste ich die letzten Worte heraus und dann war es still. Opa hob mich, als wäre ich ein Dreipfünder, auf seinen Schoß, wrang etwas Feuchtigkeit aus meinem Hemd und mir war, als würden seine Augen lachen. Dann tätschelte er meinen Kopf und ohne zu zetern oder zu schimpfen sagte er nur: „Da bist du Gevatter Hein also noch einmal von der Schippe gesprungen“. Dann schob er mich von seinem Knie in Richtung Haustür: „Zieh dir was trockenes an!“ Dafür liebte ich ihn….
Lange Zeit blieb das Erlebnis ein Geheimnis zwischen ihm, Wolf und mir, genau wie die Bilder und Fremdeindrücke, die mich seitdem immer wieder mal heimsuchten. Ein Kind will auf keinen Fall als Spinner gebrandmarkt sein und so spukte nur ab und zu der Gedanke in mir auf, -vielleicht bin ich ja doch nicht ganz dicht-!

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